Ludwik Fleck – Person

Zur Person Ludwik Fleck
von Roland Brühe und Sabine Theis [1]

Als Sohn eines Malers wurde Ludwik Fleck 1896 in Lwów (Lemberg) geboren. Nachdem er 1914 das polnische Gymnasium beendete hatte schrieb er sich zum Medizinstudium ein, das er mit einer allgemeinmedizinischen Promotion abschloss. Aufgrund seines frühen Interesses für den mikrobiologischen Forschungsbereich spezialisierte er sich im Folgenden auf Arbeiten zu Infektionskrankheiten. Er arbeitete teils als Assistent, teils in leitender Funktion an verschiedenen Forschungslaboratorien. Eine seiner wesentlichen Arbeiten befasst sich mit der Beobachtung sich zusammenklumpender Leukozyten bei Entzündungszuständen; dieses Phänomen bezeichnete Fleck als „Leukergie“ [2], wozu er diverse Artikel verfasste. Neben dieser Tätigkeit interessierten ihn aber auch erkenntnistheoretische Fragen. Sein erster Artikel, der auf einen in der „Gesellschaft der Freunde der Geschichte der Medizin in Lwów“ gehaltenen Vortrag zurückgeht, zeigt auf, dass Flecks wissenschaftstheoretische Gedanken aus der Medizin kommen. Dies ist bedeutend, da sich die Wissenschaftstheorie – wie Schnelle aufweist – „noch heute an den Entwicklungen der Physik und Chemie“ orientiert [3]. Im benannten Artikel, der den Titel „Über einige besondere Merkmale des ärztlichen Denkens“ trägt, schreibt Fleck:

„Der Gegenstand ärztlicher Erkenntnis selbst unterscheidet sich im Grundsatz vom Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Während der Naturwissenschaftler typische, normale Phänomene sucht, studiert der Arzt gerade die nicht typischen, nicht normalen, krankhaften Phänomene. Und dabei trifft er auf diesem Weg sofort auf einen gewaltigen Reichtum und Individualität dieser Phänomene, die die Vielheit ohne klare, abgegrenzte Einheiten begleiten, voller Übergangs- und Grenzzustände.“ [4]

Fleck stellt fest, dass das ärztliche Wissen „zum Entstehen eines besonderen Stils geführt“ hat, zu „einer besonderen Art, sich zu den ärztlichen Phänomenen zu verhalten, d.h. zu einem besonderen Denktyp.“ [5] Damit führte er zum ersten Mal seine wissenschaftstheoretischen Gedanken aus, die er in der Folge weiter entwickelte. Für diese Beschäftigung, die er wohl in seiner Freizeit ausführte, fand er in Lwów ein günstiges intellektuelles Umfeld. Schnelle weist auf die philosophischen Einflüsse hin, die auf Fleck in der Entstehungszeit seiner Monographie eingewirkt haben können. Dies mag zum einen der Psychiater Jakób Frostig sein, mit dem Fleck befreundet war. [6] Frostig beschäftigte sich in seiner 1929 erschienenen deutschsprachigen Studie „Das schizophrene Denken. Phänomenlogische Studien zum Problem der widersinnigen Sätze“ mit dem Vergleich „unsinniger“ Sätze Schizophrener und „sinnvoller“ Sätze Gesunder. Dabei charakterisiert er die widersinnigen Sätze dadurch „dass ihnen der Bezug auf kollektive Sinnsetzungen fehlt. Deshalb müssen diese Sätze ‚sinnlos’ bleiben.“ [7] Aussagen machen also nur vor einem kollektiven Verständnishintergrund Sinn. Den größten prägenden Einfluss auf Flecks Denken misst Schnelle jedoch den philosophischen Problemen bei, die durch die Philosophen Kazimierz Twardowski (1866 – 1938), seinen Schüler Kazimierz Ajdukiewicz (1890 – 1963) und Leon Chwistek (1884 – 1944) in jener Zeit aufgeworfen wurden. [8] Eine Darlegung der theoretischen Aussagen jener Philosophen würde an dieser Stelle zu weiten Raum einnehmen, deshalb sollen nur die Grundfragen vorgestellt werden, die auf Fleck einen Einfluss bei der Entwicklung seines wissenschaftstheoretischen Gerüstes gehabt haben können [9] (bis 1934, da Fleck das Vorwort seiner Monographie unterschreibt mit „Lwów, Polen, im Sommer 1934“). Twardowski beschäftigte die Frage, ob die erkannte Wirklichkeit etwas Geschaffenes sei und setzte sich mit Inhalt und Gegenstand von Vorstellungen auseinander. Ajdukiewicz unternahm den Versuch, eine „metaphysikfreie Metaphysik“ zu begründen und untersuchte, ob sich Erkenntnis auf formallogisch-deduktive Strukturen reduzieren lässt. Dazu entwickelte er einen „radikalen Konventionalismus“, den er allerdings später wieder verwarf (was jedoch auf die Arbeit Flecks bis 1934 keinen Einfluss haben konnte). Chwistek schließlich befasste sich mit der Frage, ob die Vielheit der Wirklichkeiten rational begründbar ist. Dabei lehnt er in seinen Arbeiten, die dem Phänomen differierender Wirklichkeitsaussagen eine rationale Erklärung geben sollen, die Annahme einer von der Erfahrung unabhängigen Wirklichkeit ab.

Nach Beginn des zweiten Weltkrieges wurde der Jude Fleck im Juni 1941 in das jüdische Ghetto der Stadt Lwów deportiert. Es folgten mehrere Verschleppungen Flecks in Lager und Konzentrationslager. Dort musste Fleck mikrobiologisch arbeiten, vor allem wurde er zur Entwicklung und Produktion von Vakzinen zur Impfung gegen Typhus eingesetzt. Im Oktober 1945 kehrte er nach Polen zurück und arbeitete in Lublin, wo er 1950 zum ordentlichen Professor berufen wurde. 1952 siedelte er nach Warschau um. Er arbeitete nach seiner Rückkehr nach Polen vor allem an mikrobiologischen Themen, u.a. an der Fortsetzung seiner Forschung zur „Leukergie“. Wissenschaftstheoretisch veröffentlichte er nur noch wenig. 1957 zog er mit seiner Frau nach Israel, um seinem Sohn nahe zu sein. Dort starb er 1961 im Alter von 64 Jahren.


[1] Dieser Text ist ein Auszug aus: Brühe, Roland; Theis, Sabine: Denkstile und professioneller Pflegeprozess. Saarbrücken 2008

[2] vgl. Schnelle, Thomas: Ludwik Fleck – Leben und Denken. Zur Entstehung und Entwicklung des soziologischen Denkstils in der Wissenschaftsphilosophie. Freiburg im Breisgau 1982: S. 44, 65 f.

[3] Schnelle 1982: S. 9

[4] Fleck, Ludwik: Erfahrung und Tatsache. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt am Main 1983. S. 37

[5] Fleck 1983: S. 37

[6] vgl. Schnelle 1982: S. 73 ff.

[7] Schnelle 1982: S. 74

[8] vgl. Schnelle 1982: S. 81

[9] vgl. Schnelle 1982: S. 225 ff.