Videokonferenzen als Multitasking-Killer auf dem iPad

Homeoffice und #stayathome – diese Begriffe prägen momentan den Alltag. Im Bildungsbereich ist darüber hinaus auch gerne die Rede vom Distance Learning. Mit diesen Begriffen verbunden ist der Umstand, dass sich die Menschen nicht mehr (so einfach) im realen Raum begegnen können. Das Bedürfnis nach Kommunikation kann in dieser Situation durch die auf Sprache fokussierte Telefonie nicht mehr angemessen befriedigt werden. Der Bedarf am Bild wird deutlich. Deshalb scheinen momentan Videokonferenzen das Medium der Wahl zu sein, wenn es gilt, dass Menschen zusammenkommen, miteinander sprechen und arbeiten. Diese Orte des gemeinsamen, zeitgleichen Erscheinens auf einem Bildschirm werden inzwischen auch vielfach als Webkonferenzen bezeichnet. Mit dem iPad ist die Teilnahme an solchen Konferenzen natürlich möglich – allerdings teilweise verbunden mit ein paar gerätespezifischen Einschränkungen, mit denen es umzugehen gilt.

An Webkkonferenzen mit dem iPad teilnehmen

Grundsätzlich kann die Teilnahme an Webkonferenzen auf dem iPad über zwei Wege realisiert werden: Über den Webbrowser Safari oder die spezifische App eines Konferenzsystemanbieters.

Der einfachste Weg ist immer der über Safari. Als Teilnehmer erhalte ich vor der Konferenz eine Internetadresse, die mich direkt in das entsprechende System und den virtuellen Raum führt. Bedingung hierfür ist natürlich, dass die entsprechende Website so konstruiert ist, von vielfältigen Browsertypen aufgerufen und genutzt werden zu können. Ist dies nicht der Fall, kann es vor allem zu Problemen bei der Anzeige der Videobilder von Teilnehmenden sowie dem Ansprechen der eigenen Kamera und des eigenen Mikrofons kommen.
Meine Erfahrungen der letzten Wochen sind sehr positiv bezogen auf das Konferenzsystem des Deutschen Forschungsnetzes (DFNconf). Nachdem dort die Serverstrukturen an den erhöhten Bedarf angepasst wurden, ist die Bild- und Tonqualität als sehr gut zu bezeichnen (vor allem im Vergleich zu anderen kommerziellen Anbietern). Das Aufrufen der entsprechenden Internetseite und die Einwahl in den Raum funktionieren tadellos. Auch stehen für eventuelle technische Schwierigkeiten andere Einwahlmöglichkeiten zur Verfügung, z.B. über eine normale Telefonverbindung. Bei Präsentationen ist ein Zugriff auf die Bilderapp von iPadOS möglich sowie die Auswahl einer Datei aus der Dateien-App.
Eher negative Erfahrungen habe ich mit Webseiten gemacht, deren Technik auf der freien Software Jitsi beruht (z.B. www.kuketz-meet.de). Mal abgesehen davon, dass die Server häufig überlastet zu sein scheinen, ist die Anzeige der Videobilder von Teilnehmenden nicht möglich (schwares Bild). Bedeutender ist, dass der Zugriff auf die iPad-eigene Kamera und das Mikrofon nicht erfolgt, so dass die Teilnahme an einer Konferenz über diese Website(s) schlicht nicht möglich ist.

Der zweite Weg zur Webkonferenz führt über eine anbieterspezifische App. Auf dem iPad haben wir standardmäßig bereits FaceTime installiert. Diese App eignet sich jedoch nur für die Kommunikation im Apple-Geräte-Universum. Als weiterer langjähriger Quasi-Standard ist Skype zu nennen. Darüber hinaus haben es in den letzten Wochen weitere Anbieter geschafft, Aufmerksamkeit, App-Downloads und Nutzung zu verstärken.
Besonders Zoom gelang dies. Obwohl es mehrere Berichte gibt, die der Firma hinter der App beispielsweise einen nicht ganz so optimalen Umgang mit den Benutzerdaten oder dem Schutz der Konferenzräume attestieren, wird die App von vielen genutzt. Die Übertragungsqualität und Funktionsvielfalt scheint dafür ein gewichtiger Grund zu sein.
Die oben bereits genannte freie Software Jitsi bietet mit ihrer App Jitsi Meet ein eher rudimentäres Werkzeug – dafür ist eine Registrierung nicht notwendig. Es ist jedenfalls nicht möglich, Dateien auszuwählen und zu präsentieren, die Funktionen beschränken sich auf das Konferieren. Etwas tricky war für mich als unbedarfter Nutzer: Vor dem Aufrufen einer Konferenz ist es bei Jitsi Meet unbedingt notwendig, einen Server in den Einstellungen einzutragen, über den die Kommunikation stattfinden soll.

An meiner Hochschule wurde das Konferenzsystem Blizz eingeführt. Ein gewichtiges Argument soll dabei wohl die Konformität zur Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gewesen sein. Der Dienst kann ausschließlich über installierte Software/Apps genutzt werden. Dafür stehen für die unterschiedlichsten Betriebssysteme entsprechende Apps zur Verfügung. In der lizenzierten Version ist es wohl möglich, bis zu 300 Personen in einen virtuellen Konferenzraum – oder besser Hörsaal – zu versammeln. Nun, meine Erfahrungen mit der Blizz-App sind unterschiedlich. In einem Zweiergespräch zeigte sich die Performanz (Video- und Tonqualität) ganz passabel. In einer Sitzung mit 15 Teilnlehmenden überzeugte mich das System nicht: Die Videobilder wanderten beständig über den Bildschirm, ohne dass ich ein System dahinter erkennen konnte. Es war nicht möglich, alle Teilnehmenden auf einem Bildschirm zu sehen, ich musste hoch und runter wischen. Und die Performanz war hinsichtlich der Bild- und Tonstabilität sowie der Synchonizität von Bild und Ton im Großen und Ganzen furchtbar. Ich kann mir nicht vorstellen, mit 30 Studierenden über das System eine Veranstaltung durchzuführen, ohne nervlich zugrunde zu gehen…

Nachdem ich nun mehrere Konferenzsysteme kennengelernt habe, nutze ich für meine eigenen Veranstaltungen das von meiner Hochschule ebenfalls lizenzierte DFNconv-Tool. Jed_r Studierende_r kann es mit einem einfachen Webbrowser benutzen. Als Lehrender/Veranstalter kann ich Meetingräume einrichten oder auch Veranstaltungsräume für Vorlesungen. Darüberhinaus bietet es eine auf dem iPad gut zu benutzende Präsentationsmöglichkeit und die Möglichkeit des Aufzeichnens als Video. Ich komme mit dem System gut klar und sehe noch einige Funktionen, die ich näher entdecken möchte.

Zwischenbilanz: Mit dem iPad ist es gut möglich, Video-/Webkonferenzen durchzuführen. Über Safari oder anbieterspezifische Apps funktioniert das gut – je nach Funktionalität der Apps und Performanz der Konferenzsyteme.

Webkonferenzen als Multitasking-Killer

Es gibt jedoch eine Schwierigkeit, die ich bei der Nutzung von Webkonferenzen mit dem iPad feststelle, Es ist nicht möglich, eine andere App im Slide Over- oder Split View-Modus parallel zu nutzen. Genauer ausgedrückt: Wenn ich eine andere App parallel nutze, wird das von mir übertragene Bild schwarz oder es friert ein, die Videobilder der anderen sind nicht mehr sichtbar und ich kann nicht mehr an der Konferenz teilnehmen. Meiner Erfahrung nach ist es egal, ob die Webkonferenz über Safari läuft oder über eine anbieterspezifische App. Auch die Nutzung anderer Webbrowser-Apps hilft nicht (sie nutzen ja sowieso die von iPadOS vorgegebene Webschnittstelle).

Meinen Recherchen nach scheint dies ein appübergreifendes Problem zu sein, das allerdings nahezu gar nicht in Internetforen diskutiert wird. Brauchen andere iPad-Nutzer_innen während einer Webkonferenz keinen Zugang zu Dokumenten oder zur Notizfunktion? Mich stört dies immens, beeinträchtigt es doch meinen Arbeitsfluss als ausschließlich mit dem iPad Arbeitender sehr. Ich habe während einer Konferenz keine Möglichkeit, in OneNote eine Mitschrift oder Notiz anzufertigen. Ich habe keine Möglichkeit, auf dem iPad ein PDF- oder Word-Dokument einzusehen.

Um trotzdem notwendige Dokumente während einer Webkonferenz einsehen zu können, habe ich mir Papiere ausgedruckt oder rufe PDF-Dokumente auf meinem iPhone 11 auf. Das sind aber keine guten Vorgehensweisen, da sie keine Lösung darstellen. Ich arbeite ja mit dem iPad, damit ich eben möglichst nicht mit Papier arbeiten muss. Ich arbeite mit dem iPad, um PDF-Dateien auf einem passabel großen Bildschirm lesen und darin Notizen machen zu können.

Zwischenzeitlich hatte ich die Überlegung, mich von meinem #ipadonly-Arbeitsmodus zu verabschieden. Mit einem Macbook hätte ich ja ohne Probleme die Möglichkeit, viele Apps nebeneinander zu nutzen. Eine potentielle Unterbrechung der Webkonferenzteilnahme würde gar nicht zu bedenken sein. Ich merkte bei diesen Gedanken jedoch, dass ich mittlerweile sehr tief und selbstverständlich in der ausschließlichen iPad-Nutzung verwurzelt bin. Ein weiteres digitales Arbeitsgerät möchte ich gar nicht haben und benutzen müssen. Eine #ipadonly-kompatible Lösung muss also her.
Inzwischen habe ich mir ein gebrauchtes iPad der 3. Generation zu einem günstigen Preis bei eBay ersteigert. Das will ich nutzen, um Webkonferenzen anzuzeigen. Parallel kann ich dann mit meinem großen iPadPro arbeiten – wie ich es auch in einer gewöhnlichen Konferenz oder Besprechung tun würde und tun kann.

Fazit: Webkonferenzen auf dem iPad mit Workaround

Mit dem iPad kann an Webkonferenzen teilgenommen werden. Paralleles Arbeiten mit anderen Apps ist jedoch nicht ohne technische Unterbrechung der Konferenzteilnahme möglich. Jede_r muss für sich schauen, ob dies akzeptabel ist bzw. inwiefern die daraus resultierenden Schwierigkeiten behoben werden können. Ich bin froh, mit dem gebrauchten Zweit-iPad eine passende Lösung für mich gefunden zu haben.

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